Die Liebe zur Wissenschaft
- The Diving Biologist
- vor 12 Stunden
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Ich muss ehrlich sein und sagen, dass ich glaubte sie auf meinem Weg verloren zu haben. Oder vielleicht nicht verloren, aber wir haben uns aus den Augen verloren.
In dem vergangenen Jahr habe ich aktiv als Wissenschaftlerin gearbeitet, habe begonnen an meiner Masterarbeit zu schreiben und bastle an meiner ersten Veröffentlichung eines Papers.
Ich arbeite für das AWI, bin Masterstudentin am GEOMAR, bin dort wo ich eigentlich schon immer sein wollte (zumindest seit ich Frank Schätzings "Der Schwarm" gelesen habe). Und trotzdem. Ich streube mich vor der Arbeit, fühle mich verloren und alleine. Ich kann von überall aus arbeiten, aber bin doch immer am selben Ort. Vor meinem Laptop. Tag ein, Tag aus starre ich auf Daten, die nicht meine sind. Verarbeite Informationen ohne es in der Tiefe wirklich verstanden zu haben.
Versteht mich nicht falsch, ich bin dankbar für diese Erfahrungen und vor allem für die Menschen die ich auf dem Weg kennengelernt habe. Aber mein Drang Wissenschaftlerin zu werden ist nach und nach erloschen. Bis zu dem Punkt, dass ich mir nichts schlimmeres vorstellen konnte als in der Forschung zu arbeiten.
Und dann ist etwas passiert.
Eine Postdoc Kollegin hatte mich gefragt, ob ich mit kommen möchte auf eine Expedition in der Nordsee. Mein erster Gedanke war; oh, noch mehr Arbeit die ich unterbekommen muss. Aber natürlich habe ich zugesagt. Das kann schließlich eine einmalige Chance sein.
Und ein paar Wochen später sitze ich hier. In meiner Kajüte auf der FS Alkor an Tag 9 unserer Expedition. Wir legen gerade wieder von Helgoland ab und es wird der letzte Tag sein, an dem wir Proben nehmen. Morgen laufen wir wieder in Cuxhaven ein und bis dahin müssen alle Labore wieder verräumt sein.
Ich kann es gar nicht fassen, dass die Expedition schon fast wieder vorbei ist. Ich habe doch noch nicht einmal verstanden, dass ich Teil davon bin!
Seine Träume zu erleben ist manchmal dann doch einfach zu fantastisch.
Nun gut, aber was ist nun mit der Forschung?
Diese Frage habe ich mir hier mehr als nur einmal gestellt. Und nicht nur mir, sondern auch allen WissenschaftlerInnen um mich herum. Und die Antworten reichten von "Mach bloß keinen PhD" bis zu "Mach auf jeden Fall einen PhD".
Ich habe mir diese verschiedenen Meinungen angehört. Habe in mich reingefühlt. Was macht das alles mit mir.
Ich teile mein Labor mit einer Junior Professorin. Meine Neugierde hat mich dazu gebracht Aufgaben von ihr zu erlernen und nun übernehmen zu können. Wir arbeiten abgestimmt und miteinander. Es macht Spaß und ich bin fasziniert von so vielen Dingen auf einmal. Wie ein Schwamm versuche ich alles Wissen aufzusaugen, während ich 10-11std am Tag arbeite. Und dann kommt besagte Professorin ins Labor und sagt mir "Ich glaube du solltest einen PhD machen. Du könntest gut damit umgehen.".
Das bringt mich zum nachdenken. Jemand anderes schätzt mein Können so ein? Strahle ich etwas aus, was nach Forschung ruft?
Diese Fragen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf.
Ich spreche weiter darüber. PhD ja oder nein? In Academia arbeiten ja oder nein? Ist es das Wert? Kann ich mein Leben, wie ich es mir vorstelle mit der Forschung leben? Kann ich ohne glücklich werden?
Und dann steuern wir Helgoland an. Wir müssen im Hafen auswettern, die Wellen werden zu hoch um Proben zu nehmen und so können wir gemütlich schlafen. Das heißt also; ein Tag frei, ein Tag Helgoland! Und wir nutzen ihn so gut es geht.
Es geht zum Lummenfelsen, um Vögel zu beobachten. Überall sind wunderschöne Basstölpel und ihre Jungen. Immerwieder regnet es, es ist windig und kalt. Aber wunderschön. Wir sehen Schafe, halten an und beobachten sie. Alle um mich herum denken wie WissenschaftlerInnen. Wir sind begeistert, lassen uns mitreißen und sind dankbar für diese Momente. Wir wollen bleiben und niemals gehen.
Wir fahren auf die kleine Nachbarinsel von Helgoland, Düne. Dort soll man Robben sehen können.
Wir sitzen auf dem kleinen Boot was uns rüber bringen soll und ich überlege, was wir wohl sehen werden. Wenn wir Glück haben, können wir vielleicht die ein oder andere Robbe aus dem Wasser gucken sehen. Aber vielleicht haben wir ja auch kein Glück. Abwarten.
Wir kommen an, laufen am Strand entlang und man kann erstaunlich runde und glatte Steine sehen. Steine die sich bewegen und Geräusche machen.
Es sind Robben. Nicht nur eine oder zwei, sondern 10 - 20 Robben. Sie liegen einfach am Strand. Lassen sich nicht beirren oder aus der Ruhe bringen.
Wir sind begeistert! Ich bin begeistert! Das erste Mal in meinem Leben kann ich Robben in der freien Wildbahn erleben. Wir machen Fotos und Videos. Kommen aus dem Staunen gar nicht heraus. Mein Gott sind die süß.
Ich trette einen Schritt zurück. Schaue mir meine KollegInnen an, unter denen sich auch neue Freunde befinden. Schaue mir die Robben an, die Vögel, den Strand. Und dann kommt mir der Gedanke "Ich bin gerade Arbeiten. Das ist ein Arbeitstag den ich hier erlebe". Es berührt mich. Ich möchte fast schon eine Träne über meine Wange kullern lassen.
Wo sonst darf man sowas erleben? Wo sonst ist das Teil deines Alltags?
Und genau dort, genau zu diesem Zeitpunkt, habe ich meine Liebe zur Forschung wiederentdeckt.
Nicht weil es ein einfaches Feld ist, nicht weil die Arbeit immer Spaß macht. Sondern, weil es das Richtige für mich ist. Weil ich Abenteuer erleben möchte und Teil davon sein möchte diese Welt zu schützen.
Ich habe nun gelernt, dass die Themen mit denen ich mich momentan beschäftige, wahrscheinlich nicht das Richtige für mich sind. Ich muss wieder mehr ins Labor, meine eigenen Daten erheben und wieder mehr zur Biologie und Chemie. Weg von der Modellierung, rein ins Wasser.
Und das wird der nächste Schritt.
Und es gibt tollen Menschen, die mir jetzt schon helfen diesen Schritt zu gehen.
Ich bin und bleibe eine Wissenschaftlerin.




Was bin ich froh ! Und gerührt !